Sie
parlieren mit der ganzen Welt. Doch AMATEURFUNKER sind ein verschlossenes
Grüppchen. Beinahe so verschlossen wie ihre Codes, mit denen sie untereinander
verkehren. Und trotz Handys wächst die Gemeinde derer, die sich nie
sehen, aber immer miteinander reden..
CQ, CQ, allgemeiner Anruf
von HB9MPN», ruft Mike-Papa-November und prägt damit seine Stimme
der Frequenz 14,22 Megahertz auf. Mike-Papa-November vertraut seine Laute
einer Funkwelle mit der Längenperiode von 20 Metern an. Die Welle trägt
nun seinen Aufruf mit der Leistung einer Taschenlampenbirne – 5 Watt
– in die Atmosphäre. In etwa 500 Kilometern Höhe stösst
die Funkwelle schliesslich auf die so genannte F2-Schicht. Von dieser Schicht
prallt die Funkwelle mit der Stimme von Mike-Papa-November wie in einem
Billardspiel im flachen Winkel zur Erde zurück – zum angepeilten
Funker irgendwo auf dieser Welt..
«Mike-Papa-November»
sind Schlüsselwörter der Buchstaben MPN – das persönliche
Rufzeichen von Urs Sigrist, einem Servicetechniker aus Chur. Das vorangestellte
HB bedeutet Schweiz, die Zahl dahinter gibt den Fähigkeitsgrad an.
Sigrists Frau, ebenfalls Funkerin, meldet sich als HB3 und als Yankee-Juliett-Juliett.
Sie heisst also: HB3YJJ.
Mike-Papa-November hat nun einen CVA Foxtrott-Sierra-Zoulou in Uruguay geangelt.
Er unterhält sich auf Englisch mit ihm – nicht über Gott
und die Welt, schon gar nicht über sich selbst, sondern über die
Qualität der Verbindung. «Oft geht es nur um den Stolz, eine
schwierige Verbindung hergestellt zu haben. Foxtrott-Sierra-Zoulou wird
mir eine Postkarte schicken und ich ihm eine, auf der die Verbindung bestätigt
wird.»
Funker sind Sammler. Sie sammeln Verbindungen, stecken sich Ziele –
alle Länder der Welt, alle Inseln, alle Grossstädte anfunken –,
legen die Postkarten mit exotischem oder nüchternem, bebildertem oder
unbebildertem Aufdruck in Kästen und Kisten. Wer seit dreissig Jahren
funkt, besitzt tausende solcher Karten...
HANDYS SIND KEINE
KONKURRENZ Trotz Handy und Internet nehmen
die Amateurfunker in der Schweiz zu. Hierzulande sind es gut 4500, knapp
300 mehr als Ende der Achtzigerjahre. Auf dem ganzen Planeten funken etwa
drei Millionen Menschen. Allein die Schweizer verschicken jährlich
600000 Postkarten. Falls die übrigen ebenso schreibwütig sind,
kommt man auf 400 Millionen Karten.
Man könnte annehmen, Funker seien kommunikativ – eher scheint
das Gegenteil der Fall. Meist sprechen sie nur das Allernotwendigste, und
in Jahren der Funkerei bilden sich wenige Freundschaften. Dafür besucht
man sich gegenseitig und geht auch sonst durch dick und dünn miteinander.
Nun unterhält sich Mike-Papa-November nämlich mit WA6PGA, und
man merkt die Vertraulichkeit zwischen dem Churer und dem in die Nähe
von Santa Barbara in Kalifornien, USA, emigrierten Schweizer Funkfreund.
Seltsam ist, dass die beiden nach jedem Satz «hi» sagen und
lachen. «Eigentlich blöd», meint Mike-Papa-November, «mit
dem ‹hi› drücken die Morser aus: ‹Ich lache›
– wenn man lacht, muss man das nicht kommentieren.»
Die Welt der Funker erscheint dem Aussenseiter womöglich etwas schrullig.
Nur Funker verstehen, weshalb sich Menschen mit solcher Geduld und Präzision
auf ihre Liebhaberei einlassen. Der Funker ist nüchtern und überlegt,
da er im Feinbereich der Frequenzen arbeitet. Er ist hartnäckig, denn
er wartet oft Stunden auf eine seltene Verbindung im abgelegensten Winkel
der Erde. Er ist ein Helfer, wie der Einsatz von Funkern in Katastrophengebieten
– etwa auf den Andamanen-Inseln kurz nach dem Tsunami – beweist.
Er ist ein Pröbler, denn er wendet seine Antenne um Millimeter, um
die Zielrichtung zu verbessern, betätigt Schalter und Drehregler –
beinahe wie ein Panzerknacker. Das Klicken des geknackten Panzerschranks
– das ist für den Funker die hergestellte Verbindung.
BEGEISTERTER JUNGFUNKER Aber er ist vor allem fasziniert von der Technik. Das
beweist Jungfunker HB3 Yankee-Lima-Foxtrott, der 15-jährige Simon Tschuor
aus Castrisch bei Ilanz. Als Bub fand er das verstaubte Gerät seines
Patenonkels in einem Kasten. Simon stellte sich eine Antenne ins Zimmer
und bastelte an der Kiste herum, bis die Lämpchen wieder leuchteten.
Dann drehte er am Frequenzregler und erlebte ein Wunder. «Ich dachte»,
erklärt Yankee-Lima-Foxtrott, «der Funk sei ausgestorben. Als
ich die vielen Stimmen hörte, konnte ich es kaum glauben.»
Der fünfzehnjährige Simon Tschuor, alias Yankee-Lima-Foxtrott,
ist in der Schweizer Funkszene als Nachwuchstalent bekannt, «ein Angefressener»,
wie der Morser Alfa-Alfa-Quebec und Präsident der Uska, der Union schweizerischer
Kurzwellenamateure, bestätigt. «Angefressen» ist unter
Funkern ein Lob.
Alfa-Alfa-Quebec, mit dem bürgerlichen Namen Fred Tinner, freut sich,
dass die Mitglieder des Funkerverbandes Uska in den letzten Jahren leicht,
aber doch beständig zugenommen haben. Als «Alfa» gehört
er beinahe zu den Funkern der ersten Stunde, tatsächlich sitzt er seit
45 Jahren hinter seinen Geräten. Wer könnte besser erklären,
warum jemand seine Wellen im Raum verbreitet?
«Zunächst muss man sich etwas einfallen lassen, pröbeln
und rechnen, um eine interessante Verbindung herzustellen. Für den
Funker sind Internet und Handy keine Herausforderung.» Alfa-Alfa-Quebec
gehört zu den zwei Dritteln Funkern, die das Morsen noch beherrschen.
Er ist ein quirliger älterer Herr, dessen Wissen über Funk- und
Elektrotechnik dem Laien geradezu monströs erscheint. Und er ist ein
Gefühlsmensch. »Das ist doch Musik, nicht wahr? Hören Sie
hin: Musik!»
Zu hören ist ein «Tüüt-tüt-tüt-tüüt
…» Grazil, geradezu beiläufig tippt AAQ die Antwort auf
das Morsegerät. «Musik» ist die Verbindung, die er gerade
zu einem Morser auf Cayman Island hergestellt hat, obwohl sich die beiden
nur guten Tag sagen.
MIT FÜNF MICKRIGEN WATT
Der Mann strahlt. «Das muss man mit fünf mickrigen Watt fertig
bringen – dass ein anderer am Ende der Welt seine Finger bewegt.»
Und doch: Was hat man denn nun davon, einem morsenden Eskimo GA, good afternoon,
schönen Nachmittag, zu wünschen? «Funker», meint Alfa-Alfa-Quebec,
«sind einander gleich. Sie begegnen sich als Menschen, ob arm oder
reich, dunkel oder gelb.» Hat Funken etwas Christliches an sich? Alfa-Alfa-Quebec
zuckt die Schultern. «Ein Funker begegnet immer einem anderen Funker,
der seine Leidenschaft teilt.»
Wer mehr wissen will, beginne mit der Lektüre all der Bücher,
die in Fred Tinners Büro gestapelt sind: Reglemente, Jahrbuch des Funkamateurs,
Zeitschriften, Rufzeichen-Weltkarte, Richtstrahlweltkarte, ITU-Länderliste
von «1A*, Sovereign Military Order of Malta» bis «ZVA-ZZZ,
Brazil». Denn Funker wird man nicht einfach so. Wer nicht «angefressen»
genug ist, wird bald aufgeben.